Diskutieren – Öffentliche Erklärung

Gegen Fremdenfeindlichkeit, Hass und Spaltung. Für Demokratie und Freiheit

Der Diözesanrat Rottenburg-Stuttgart vertritt die knapp 2 Millionen Katholik*innen im württembergischen Teil Baden-Württembergs – immer wieder auch in Stellungnahmen zu aktuellen gesellschafts-politischen Themen. Im Mai 2017 verabschiedeten die rund 100 stimmberechtigten Delegierten diese öffentliche  Erklärung zur aktuellen Situation:

In Deutschland und Europa waren Nationalismus und Rassismus über viele Jahrzehnte hinweg Nährboden für Feindseligkeit gegenüber Menschen anderer Länder oder anderen Glaubens. Die dahinter stehende Grundhaltung war mitverantwortlich für zwei grausame Weltkriege und die entsetzliche Vernichtung von Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Gerade auch christlich geprägte Politikerinnen und Politiker erkannten bei der Neuordnung Europas und unseres Landes, dass nur die Achtung der Menschenwürde und die Förderung von Solidarität, Dialogbereitschaft und Weltoffenheit in einem demokratischen Rechtsstaat Frieden und Wohlstand dauerhaft sichern können. In Dankbarkeit blicken wir auf die nunmehr über 70 Jahre währende friedliche und erfolgreiche Epoche in unserem Land zurück!

Umso mehr erfüllt uns mit Sorge, dass politische Parteien und Gruppierungen in Deutschland und anderen europäischen Staaten wieder mit nationalen und rassistischen Parolen aufwarten. Erneut werden Ängste, Aggressionen, Hass, Vorurteile und Ressentiments geschürt. Größen- und Allmachtsphantasien werden kultiviert. Menschen und ganze Gruppen werden ausgegrenzt, allzu oft gerade die schwachen und wehrlosen. Dies geschieht weitestgehend durch eine pauschale Vereinnahmung »des Volkes« und »des kleinen Mannes« für die eigenen Interessen und durch das Schüren von Abneigung gegen »Eliten«. Unsere bewährte und erfolgreiche Gesellschaftsordnung wird diffamiert, Argumente und Fakten werden missachtet, ja sogar Lügen werden bewusst verbreitet. Für komplexe politische Probleme werden vermeintlich einfache Lösungen angeboten. Anstelle nachhaltiger Problemlösungen zählt nur der scheinbare, kurzfristige Erfolg. Die Freiheit der Presse und der Medien wird in Frage gestellt. Gute journalistische Arbeit wird diffamiert.

Wir nehmen sehr ernst, dass viele Menschen durch den raschen Wandel unserer Gesellschaft und durch soziale Verwerfungen von Zukunftsängsten geplagt werden. Nicht wenige erleben sich als ausgegrenzt, abgehängt oder gar wertlos. Solche Ängste und Sorgen müssen wir aufgreifen und in politisch verantwortliches und sozial gerechtes Handeln umsetzen. Dabei können wir aus unserem christlichen Glauben Kraft und Zuversicht schöpfen! Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Die Achtung seiner Würde ist Kern unseres Glaubens. Nächstenliebe und Sorge für die Bedürftigen aller Art gehören zu unserem Grunddienst als Christinnen und Christen. Wir verstehen  die Menschheit als Familie: Wir alle sind Gottes Kinder.

Wir wollen auch in Zukunft in einer weltoffenen Gesellschaft leben, in der die Würde und Freiheit eines jeden Menschen gemäß der europäischen Menschenrechtskonvention gewahrt, Teilhabe ermöglicht, für Bedürftige gesorgt und die Regeln von Demokratie und Rechtsstaat beachtet werden. Ein achtsam geführter Dialog, der Austausch von vernünftigen, ethischen begründeten Argumenten, die Beachtung von Fakten und das Ringen um Kompromisse gehören dazu. Dazu sind Politikerinnen und Politiker in Regierungen und Parteien aufgerufen, aber jede und jeder einzelne im alltäglichen Handeln.

Als Christinnen und Christen leisten wir in unseren Gemeinden, Verbänden und Einrichtungen entschieden Widerstand gegen alle Versuche, nationalistisches Gedankengut in unserem Land wieder salonfähig zu machen. Hetze und Hass dürfen wir keinen Raum geben. Wir rufen alle Menschen in unserer Kirche auf, die Achtung vor der Würde eines jeden Menschen, soziale Gerechtigkeit und Frieden in unserer Gesellschaft zu fördern, christliche Werte und die christliche Weltverantwortung mutig und öffentlich einzubringen, im gesellschaftlichen Diskurs ebenso wie im innerkirchlichen Dialog und in unseren Gottesdiensten.

Kloster Schöntal, 12. Mai 2017