Verstehen – Christliche Selbstvergewisserung

Ja zur Wirklichkeit. Mut zur Vernunft.

Der Erfolg nationaler Populisten zwingt Christ/innen zu einer ernsthaften Selbstbesinnung

Donald Trump wurde zum Präsidenten der USA gewählt. Die Mehrheit der Briten stimmte für den Brexit. Die nationalkonservative polnische Regierung verabschiedete Gesetze, die das polnische Verfassungsgericht schwächen und die Medien gängeln. Marine le Pen vom Front National hat gute Chancen, zumindest in die Stichwahl für das Amt des französischen Präsidenten zu kommen. Sehr stark sind national-populistische Parteien auch in Holland, Italien und Deutschland. Das alles geschah und geschieht auch mit Hilfe von (katholischen) Christ/innen. Nach derzeitigem Stand würde bei der Wahl zum Deutschen Bundestagswahl im September jede/r sechste bis siebte Katholik/in für die AfD stimmen.

Damit wird deutlich: In den letzten zwei Jahren haben nationale Populisten Zustimmung auch von Christ/innen in einem Ausmaß bekommen, das Sorge bereitet und eine ernsthafte Selbstvergewisserung erforderlich macht. Das möchte ich in vier Schritten versuchen: Verständliche Angst. Unverkürzter Wirklichkeitsbegriff. Verpflichtung zur Vernunft. Der Ernst des Evangeliums.

Verständliche Angst

Auch Christ/innen haben Angst. Angst vor Terroranschlägen. Angst vor sozialem Abstieg. Angst vor Gewalt und Kriminalität. Unsicherheit gegenüber Fremden, die sie (noch) nicht kennen und einschätzen können. Das ist zunächst einmal normal. Schon das Zweite Vatikanische Konzil formulierte, dass nicht nur Freude und Hoffnung, sondern auch Trauer und Angst der Menschen in der Welt von heute auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger/innen Jesu Christi sind. Doch die geteilte Angst rechtfertigt nicht jede Antwort.

Unverkürzter Wirklichkeitsbegriff

»Die Wirklichkeit ist das Fundament des Ethischen. Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße.« So zitiert der Tübinger Theologe Alfons Auer (1915 – 2004), den Philosophen Josef Pieper und definiert das Sittliche als »das Ja zur Wirklichkeit«. (Alfons Auer, Autonome Moral und Christlicher Glaube, Patmos Verlag 1971, Seite 16)

Damit knüpfen Pieper und Auer am großen Thomas von Aquin an. Das Sein im Ganzen (»unum«) ist zugleich wahr und gut (»verum et bonum«). Gut handelt also, wer sich bemüht, die Wirklichkeit so umfassend wie möglich zu verstehen und ihr entsprechend sachgemäß zu handeln. Dabei war Alfons Auer klar, dass alle Wirklichkeit geschichtlich ist, dass wir in einer sich evolutionär entwickelnden Welt leben. Zur »Welt«, zur »Wirklichkeit« gehören nicht nur das vor Augen Liegende, sondern auch die Geschichte und die zukünftigen Möglichkeiten. Wirklichkeit ist damit der Begriff einer umfassenden Ganzheit. Um wirklichkeitsgemäß handeln zu können, muss sich der Mensch intensiv mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Humanwissenschaften beschäftigen. Nur dann kann er sachgemäß und damit gut handeln. Der christliche Glaube, so Auer, hilft ihm dabei. Er gibt ihm keine fertigen Antworten vor, aber er gibt ihm Hoffnung und Verheißung und bietet ihm so innere Freiheit und Orientierung auf dem Weg zu je größerer Einheit und Fülle und Gerechtigkeit.

Gemessen an diesem umfassenden und evolutionären Wirklichkeitsverständnis wird schnell deutlich, dass nationale Populisten einen eingeengten Wirklichkeitsbegriff haben. Sie sind interessiert nur an der Wirklichkeit, wie sie gestern war, wie sie gestern Halt und Sicherheit vermittelte. Das ist in Maßen verständlich. Aber es wird dann falsch und in der Folge auch gefährlich, wenn damit künstlich begrenzte »Ganzheiten« (Nationalstaaten) als allein für das Handeln verbindliche Wirklichkeiten definiert werden: »America first!«, »Great Britain first!«…

Jedes Land hat das Recht, seine Interessen zu verfolgen. Aus der Sicht unserer abendländisch-philosophischen und jüdisch-christlichen Tradition hat es aber kein Land, kein Herrscher das Recht, sich als einzig relevante Wirklichkeit für das politische Handeln zu erklären. Zur Wirklichkeit gehören auch die anderen. Wirklichkeit ist nur dann angemessen gedacht und verstanden, wenn sie als offenes Ganzes mit allen seinen Möglichkeiten gesehen wird. Das Ja zu dieser umfassenden Wirklichkeit ist das Sittliche. In diese umfassende Wirklichkeit ist jede(r) einzelne als eine kleine Ganzheit (Person) einbezogen. Weil ich es bin, sind es auch alle anderen, ohne Ansehen ihrer ethnischen, religiösen oder nationalen Herkunft. Die Wirklichkeit, die Welt, die Erde ist unser gemeinsames Haus.

Pflicht zur Vernunft

Vernunft ist mehr als technologischer Verstand, mehr als wirtschaftliche Intelligenz, mehr als politisches Kalkül. Es reicht nicht zu fragen: Können wir das technogisch realisieren? Verspricht das finanziellen Gewinn? Dient das nationalen Interessen?

Wir haben Vernunft, aber wir verfügen nicht manipulativ über sie. Das Licht der Vernunft, das uns frei macht, nimmt uns zugleich in die Pflicht. Wir können nicht gegen die Vernunft verstoßen ohne zugleich zu wissen, dass wir damit gegen das moralische Gesetz in uns verstoßen. Hier zeigt sich etwas Heiliges, das Ehrfurcht gebietet, je länger sich das Denken damit beschäftigt. Deshalb beharrte der Philosoph Immanuel Kant (1729 – 1804)darauf: Vernunft ist universalistisch. Bei unserem Tun zwingt sie uns zu fragen: Kann ich wollen, dass die Maxime meines Handelns ein allgemeines Gesetz werde? Diesem Anspruch können »America first!« und »Great Britain first!« nicht genügen, zumindest dann nicht, wenn sie meinen »Amerika allein!«, »Großbritannien allein!«.

Papst Franziskus erinnert uns Christ/innen und alle Menschen an diese Verpflichtung zur Vernunft und zum Gemeinwohl, wenn er schreibt: »Seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts und nach Überwindung vieler Schwierigkeiten hat sich allmählich die Tendenz durchgesetzt, den Planeten als Heimat zu begreifen und die Menschheit als ein Volk, das ein gemeinsames Haus bewohnt. … Die Interdependenz verpflichtet uns, an eine einzige Welt, an einen gemeinsamen Plan zu denken. Doch die gleiche Intelligenz, die für eine enorme technische Entwicklung verwendet wurde, schafft es nicht, wirksame Formen internationalen leaderships zu finden, um die schwerwiegenden Umweltprobleme und die ernsten sozialen Schwierigkeiten zu lösen.«
(Papst Franziskus: Laudato si 164, 2015).

Der Ernst des Evangeliums

Jesus von Nazareth hat keine Moralphilosophie gelehrt, sondern das anbrechende Reich Gottes verkündet. Aber auch dies ist universalistisch: »Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« (Mt, 25, 40) Keiner darf übersehen, abgeschrieben, ausgeschlossen werden. Nur das Wohl einer Teilgruppe im Blick zu haben (Rasse, Klasse, Religion, Nation), ist keine christliche Option. Der aus diesen Worten sprechende Ernst wird von Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt unterstrichen. Und es wird deutlich gemacht, dass dieser Glaube ›selig‹ macht. Selig im Sinn des Evangeliums sind wir dann, wenn wir in Übereinstimmung sind mit uns selbst und mit der Welt und mit Gott. Dann sind wir ›stimmig‹, dann sind wir in einem tiefen Sinne glücklich und froh, weil wir verstehen und verstanden werden, weil wir wissen: Das Leben ist gut und es ist auch für uns gut zu leben.

 

Wenn die Seligpreisungen als eine Anweisung zum gelingenden Leben gelesen werden, zwingt gleich die erste Seligpreisung zum Nachdenken: »Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.« (Mt 5, 3) Arm sein vor Gott heißt hier so viel wie: Wissen, dass man nicht selbst Gott ist. Meine kleine Ganzheit (Person) sowie meine größere kulturelle und politische Ganzheit (Nation) darf ich nicht mit Gott verwechseln. Gott ist immer größer. Er steht für das Ganze, für seine Fülle und seine Gerechtigkeit. Auch wenn wir uns noch sehr Identität, Sicherheit und Halt wünschen: Wir können sie nicht selbst konstruieren, sondern haben sie nur als Verheißung. »Selig, die arm sind vor Gott, denn ihrer ist das Himmelreich.« Dies ist auch eine Antwort auf den religiösen und politischen Terrorismus. »Armut vor Gott« schließt jede Gewalt »im Namen Gottes« aus.

Bernhard Bosold
Fotos vom Katholikentag 2016: Branz