Verstehen – Sprechen in Zeiten der Verunsicherung

Information ist kein Allheilmittel
Vom Sprechen in Zeiten der Verunsicherung

1. Informationen sind nur die halbe Wahrheit

Wer heute so manchem Politiker, so mancher Journalistin zuhört, muss den Eindruck gewinnen, dass die größte Gefahr für die Demokratie von Falsch-Informationen, »fake news«, auch »alternative Fakten« genannt, ausgeht. Tatsächlich werden heute massenhaft derlei Falschmeldungen unters Volk gebracht. Sie sollen die Funktion haben, die eigene Weltsicht abzusichern und andere davon zu überzeugen. Sie verzerren unser Bild von der Welt und unserer Gesellschaft. Sie diffamieren jene, über die Falsches gemeldet wird. Und sollen sogar Wahlen entscheiden können. Sie können auf jeden Fall Kriege auslösen: Das wissen wir seit dem Irak-Krieg und der Falschmeldung über Sadams Massenvernichtungswaffen.

Informationen erfüllen – wenigstens teilweise – die Funktion, Menschen in der Welt sicherer zu machen. Sie erklären Zusammenhänge und zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse an. Sie machen aufmerksam auf gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische etc. Entwicklungen. Sie dienen als Grundlage für Argumente und politische Programme. Allerdings können Informationen nur zeigen, »was der Fall ist« (Wittgenstein). Insofern sind sie wirklich bedeutsam für politisches Handeln, das sich ja möglichst auch auf das beziehen sollte, was der Fall ist. Das ist Aufgabe von Politik.

Allerdings leben Menschen, Gesellschaften und Kulturen nicht allein von dem, was der Fall ist, sondern mehr noch von vorgängigen Elementen, die sich informativ nicht zum Ausdruck bringen lassen. Diese vorgängigen Elemente – wie etwa Werte, Hoffnungen, Träume, Glauben usw. – haben Bezug zu den Informationen, weil sie uns dabei unterstützen, diese zu sortieren und einzuordnen.

Wenn wir unserem täglichen Sprechen zuhören, so werden wir schnell feststellen, dass 90 % des täglich Gesagten keinen oder kaum Informationscharakter hat. »Grüß Gott; und? Wie geht’s« ist keine Informationsfrage. Und wir reagieren auch nicht so darauf: »Na ja, muss ja…, und selbst?«. Was auf Information bezogen wie sinnloses Sprechen aussieht, ist hoch menschlich bedeutsam. Es signalisiert dem anderen Menschen, dass man ihm wohlgesonnen ist.

Oder denken Sie an so wichtige Sätze wie »Ich liebe Dich.« Oder »Es gibt einen Gott…«. Beide Sätze sind als Information vollkommen untauglich, weil sie sich weder verifizieren noch falsifizieren lassen. Aber für das Leben des einzelnen Menschen können sie von größter Bedeutung sein.

2. Nicht der Inhalt, der Bote ist der Garant

Wenn Werte und Überzeugungen dazu dienen, Informationen zu sortieren, einzuordnen und für das eigene Weltverstehen hilfreich werden zu lassen, so haben gleichzeitig Informationen Einfluss auf diese Werte und Überzeugungen, auf das eigene Meinen und Glauben und damit auf die Lebensgestaltung von Menschen und Gesellschaften. Informationen, sobald wir sie für uns als »richtig« eingeordnet haben, können Verhalten und Entwicklungen an uns selbst verändern: Wir sind eben »lernfähig«. Auch das macht uns ja zu Menschen. Die Frage dabei bleibt, welchen Informationen wir vertrauen, sodass wir sie als »richtig« einstufen.

Um das herauszubekommen, lohnt es sich in die eigene Lebensgeschichte zu schauen: Die ersten Informationen über die Welt erhalten wir im Allgemeinen von unseren Eltern. Wir brauchen diese Informationen, um uns in der Welt zurecht zu finden. Und es bleibt uns gar nichts Anderes übrig, als dem, was die Eltern uns sagen, zu vertrauen: Es ist sonst niemand da, der etwas erklären könnte. Zugleich wird das Vertrauen in die Richtigkeit der Informationen dadurch gestützt, dass wir diejenigen, von denen wir sie bekommen, mögen und unser Leben grundsätzlich auf sie stützen. Wir vertrauen den Eltern als Personen. Umso schlimmer ist es, wenn irgendwann herauskommt, dass sie zum einen nicht alles wissen und erklären können und zum andern, dass sie uns womöglich auch belogen haben. Dann geraten wir in eine Krise, weil unser Weltbild zu wackeln beginnt: Pubertät.

Es bleibt also festzuhalten, dass wir Informationen dann am ehesten für wahr halten, wenn sie von Personen vermittelt bekommen, denen wir grundsätzlich – nicht nur in dem, was sie sagen – vertrauen. Wenn also Menschen heute den Aussagen von Politik und offiziellen Medien fehlende »Richtigkeit« unterstellen, dann ist das zuallererst Ausdruck eines grundsätzlichen Misstrauens, des Verdachts nämlich, dass diese Menschen es nicht gut mit ihnen meinen, sondern vermutlich Interessen verfolgen, die nicht offen liegen und die ihnen schaden könnten.
Erst vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum Menschen dann anderen Informationen Glauben zu schenken beginnen, Informationen, die sie sich in sozialen Netzwerken oder sonst im Web zusammensuchen, hinter denen wohl lebendige Menschen stehen, zu denen sich eine Beziehung aufbauen ließe, die aber auf jeden Fall ein ähnliches Wertprofil wie die Suchenden zu haben scheinen. Und diejenigen, denen wir misstrauen, die können so richtige Informationen in die Welt pusten, wie sie wollen: Sie erreichen uns damit nicht mehr, weil wir diese Informationen für grundsätzlich fragwürdig halten.

3. Geschichten: erfolgreich und gefährlich

»Falsche Informationen« mit »richtigen Informationen« bekämpfen zu wollen, wird damit zum Sisyphos-Werk: Notwendig, aber erfolglos. Das Gleiche gilt für Argumente und politische Entscheidungen, die auf solchen Informationen beruhen: Tatsächlich ist jede mögliche Transparenz, jeder Verweis auf Verifizierbarkeit notwendig, jede Offenlegung der Hintergrundabsichten; aber das alles hilft nichts denen gegenüber, die grundsätzlich misstrauisch sind. Und je mehr dann um Vertrauen gebettelt und die eigene Vertrauenswürdigkeit behauptet wird, umso mehr klingt das in den Ohren der Misstrauischen wie das Lied der Schlange Ka im Dschungelbuch, die singt: »Vertraue mir, ich bin dein Freund« und nichts Anderes im Sinn hat, als ihr Opfer zu hypnotisieren.

Wie aber dann? Die Sprache der Informationen und Argumente, der Logik und des Nachweises ist eine kalte Sprache, die Menschen nicht direkt betrifft, sondern erst über den Umweg des Vertrauens. Viel lieber als Informationen und Argumente hören Menschen aber Geschichten, Erzähltes. Das liegt zum einen sicher daran, dass das Erzählen menschheitsgeschichtlich eine viel ältere Form des Sprechens ist als das Argumentieren. Zum anderen und vor allem aber liegt es an der unmittelbaren Erfahrungsnähe, bisweilen an der Hoffnungsnähe der Erzählung. Erzählungen schaffen Zusammenhänge, wo im realen Leben keine da zu sein scheinen. Sie erinnern mich an selbst Erlebtes. Und selbst wenn ich (als Erwachsener) weiß, dass es keine Hexen gibt und sie deswegen sicher auch nicht in Lebkuchenhäusern gewohnt haben, ist die Erfahrung des zauberhaft Gefährlichen und schmackhaft Verführerischen doch eine, die ich in meinem Leben selber gemacht habe. Es bleibt also die Erkenntnis, dass selbst Märchen hinter ihren Bildern etwas Wahres, das heißt hier: etwas, das mit meinem Leben zu tun hat, in sich tragen.

Erzählen ist eine warme Art des Sprechens. Es zielt letztlich auf Beziehung ab. Es gibt andere Weisen des »warmen« Sprechens. Auch die Sprache der Religion, des Glaubens könnte eine solche warme Sprechweise sein: Als Sprechender bringe ich mich selbst ins Spiel, und wenn es gut geht, nehmen andere mich im Gesprochenen wahr. Auch hier entsteht Beziehung, für die Glaubenden sogar über das anwesende Ich-Du hinaus. Die Literatur verfügt über eine solche Sprache, in besonderem Maße vielleicht die Lyrik, jedes absichtslose Sprechen hat etwas von dieser Wärme, weil es auf Jemanden gerichtet ist, ohne ihn funktionalisieren zu wollen.
Sobald aber Geschichten etwas »Gemachtes« anhaftet, wie so manchem »Predigtmärlein« am Sonntag, verspielt der Erzählende das Vertrauen noch schneller, als es mit (Falsch-)Informationen je ginge. Mehr noch: Ein solcher Erzähler hat nicht nur die Geschichte verdorben und das Vertrauen verloren, er stellt das, wovon erzählt wird, insgesamt als bloß »gemacht« dar und vernichtet damit die Wirkkraft seiner Gesamtbotschaft.

Gleichzeitig sind Geschichten, ist emotionalisierte Du-Ich-Sprache nicht ungefährlich: Es ist kein Zufall, dass der Weg vom Mythos über das Epos zum Logos führte, dass es vom Erzählen zur Reflexion geht. Nur unter dieser Voraussetzung ist in unserer Gegenwart, die von der europäischen Aufklärung geschmeckt hat, ein verantwortetes Erzählen möglich. Wo Erzählen das Nachdenken ausschaltet, wird es allzu schnell zur Gefahr für Handlungsweisen, die der Rationalität verpflichtet sein müssen, kann Anti-Aufklärungscharakter gewinnen. Auch dafür gibt es genügend Beispiele in der Gegenwart. Manche esoterische Bewegung lebt davon. Und auch populistische Redeweisen haben bisweilen diese Eigenart.

4. Glaub mir nicht einfach

In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung, wie wir sie gerade erleben, kann Erzählen, kann ein Ich-Du-Sprechen zum Prüfstein für Vertrauen werden, kann also die kommunikativen Voraussetzungen schaffen, dass auch Informationen aus dieser Quelle als »richtig« oder »wahr« in Betracht gezogen werden. Dabei geht es nicht um »starke Worte«. Die sind schon bei denen, die man Populisten nennt, in Gebrauch (»Die Beraubung des Volkes durch die Eliten« z.B.). Es geht vielmehr um Geschichten des Misslingens wie des Gelingens (z.B. im Kontext Integration), um nachvollziehbare Erfahrungsnähe. Es geht darum, dass die Erzählenden wahrnehmbar bleiben im Erzählten. Es geht letztlich um nichts Anderes als um eine andere Kommunikationskultur, die einer eiskalten Funktionssprache wie der heißen Sprache des Hasses entgegensteht. Es geht mit dieser Kommunikationskultur darum, rational begründetes Handeln im politischen Kontext zu ermöglichen, ohne dass Menschen dabei in Sorge sein müssen, selbst funktionalisiert zu werden. Alles Sprechen, das auf Emotionalität setzt, braucht deswegen als permanentes Begleitrauschen die Anweisung: »Glaub mir nicht einfach; prüfe in Deinem Leben nach, was Du hörst.« Sapere aude: Habe den Mut, selber zu denken.

Religionsgemeinschaften, die sich als Gemeinschaft von Glaubenden und nicht als Gemeinschaft von Interessensvertretern verstehen, hätten hier eine Aufgabe. Und diese Aufgabe könnte sogar zu ihrer eigenen Erneuerung führen.

Dr. Michael Krämer